Der Wirtschaftsstandort Deutschland unter Dauerstress: Eine unternehmerische Bestandsaufnahme seit 2020
Als Unternehmer mit über 25 Jahren operativer Verantwortung im Mittelstand und zugleich juristischer Ausbildung beobachte ich seit 2020 keine Abfolge einzelner Krisen mehr, sondern eine strukturelle Erosion verlässlicher Rahmenbedingungen. Für Unternehmen geht es längst nicht mehr um temporäre Anpassungen, sondern um die fundamentale Frage, ob langfristige Planung, Investition und Nachfolge in Deutschland noch rational vertretbar sind.
Produktion, Nachfrage, Finanzierung, Personal und internationale Wettbewerbsfähigkeit stehen gleichzeitig unter Druck. Diese Gleichzeitigkeit ist das eigentliche Problem. Sie zwingt Unternehmer dazu, nicht mehr wachstums-, sondern überlebensorientiert zu handeln – ein Paradigmenwechsel mit erheblichen volkswirtschaftlichen Folgen.
Pandemiepolitik als Stresstest für Unternehmertum und Rechtssicherheit
Die Corona-Krise war weniger eine Gesundheits- als eine Planungs- und Rechtssicherheitskrise für Unternehmen. Lockdowns, Betriebsuntersagungen und wechselnde Verordnungen führten zu massiven Umsatzeinbrüchen, Produktionsstillständen und einer beispiellosen Unsicherheit in der Unternehmensführung.
Besonders gravierend war aus unternehmerischer Sicht nicht nur der Umsatzverlust, sondern die Erosion der Vertrags- und Planungssicherheit. Staatliche Hilfen wirkten kurzfristig liquiditätssichernd, ersetzten jedoch kein funktionierendes Marktumfeld. Viele Betriebe leben bis heute mit den Nachwirkungen: verschobene Investitionen, höhere Verschuldung, verlorene Kundenbeziehungen.
Für Unternehmer bedeutete dies: Entscheidungen mussten unter Bedingungen getroffen werden, die weder rechtlich noch wirtschaftlich kalkulierbar waren – ein Zustand, der mit verantwortungsvoller Unternehmensführung kaum vereinbar ist.
Energiepreise und Geopolitik: Standortnachteile mit Langzeitwirkung
Der Ukrainekrieg und die daraus resultierende Energiekrise haben den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig beschädigt. Explodierende Energiepreise haben insbesondere energieintensive Branchen an die Grenze der Wirtschaftlichkeit gebracht. Investitionen wurden gestoppt, Produktionsverlagerungen vorbereitet oder bereits umgesetzt.
Aus unternehmerischer Sicht ist entscheidend: Wettbewerbsfähigkeit ist kein politisches Ziel, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Wenn internationale Wettbewerber mit stabileren Energiepreisen kalkulieren können, wird Deutschland strukturell abgehängt.
Hinzu kommen komplexe haftungsrechtliche Fragestellungen durch Sanktionen und Lieferkettenabbrüche, die Managementkapazitäten binden, ohne Wertschöpfung zu erzeugen. Unternehmerische Energie fließt zunehmend in Krisenbewältigung statt in Innovation.
Inflation, Arbeitskosten und Kapitalzugang: Die stille Margenkrise
Die Kombination aus hoher Inflation, steigenden Löhnen und deutlich höheren Finanzierungskosten trifft den Mittelstand ins Mark. Margen schrumpfen, während der Kapitalbedarf steigt. Investitionen werden nicht aus Mangel an Ideen, sondern aus Mangel an kalkulierbarer Rentabilität verschoben.
Besonders kritisch ist der Fachkräftemangel, der sich durch diese Entwicklungen weiter verschärft. Unternehmer stehen vor der paradoxen Situation, steigende Lohnkosten tragen zu müssen, während Produktivität und Planungssicherheit sinken.
Gleichzeitig wächst der regulatorische Anpassungsdruck durch Klimaziele, Digitalisierungsvorgaben und Datenschutz. Als Jurist sehe ich hier ein strukturelles Defizit: Regulatorische Dynamik ersetzt zunehmend Rechtssicherheit, was Investitionsentscheidungen lähmt und unternehmerisches Risiko künstlich erhöht.
Regulatorische Überforderung statt unternehmerischer Ermöglichung
Die Vielzahl neuer Gesetze – vom Lieferkettengesetz über Klimaregulierung bis hin zu Datenschutz- und Barrierefreiheitsanforderungen – stellt insbesondere kleine und mittlere Unternehmen vor kaum lösbare Aufgaben. Compliance wird zur Dauerbelastung, ohne dass proportionaler Nutzen entsteht.
Der Mittelstand verfügt weder über spezialisierte Compliance-Abteilungen noch über ausreichende Übergangsfristen oder praktikable Förderinstrumente. Politisch wird Regulierung erlassen, ohne die betriebliche Realität ausreichend zu berücksichtigen. Aus rechtsstaatlicher Sicht ist dies problematisch, aus unternehmerischer Sicht existenzbedrohend.
Erbschaftsteuer und Unternehmensnachfolge: Ein Angriff auf Substanz und Kontinuität
Die aktuellen Reformüberlegungen zur Erbschaftsteuer treffen Familienunternehmen in einer Phase maximaler wirtschaftlicher Anspannung. Betriebsvermögen ist kein Sparguthaben, sondern gebundene Substanz, die Arbeitsplätze, Investitionen und Haftung trägt.
Als Unternehmer weiß ich: Nachfolge ist kein Vermögensübergang, sondern ein hochkomplexer Transformationsprozess, der Liquidität, Stabilität und Vertrauen erfordert. Zusätzliche steuerliche Belastungen gefährden genau diese Faktoren – und damit die Kontinuität ganzer Betriebe.
Wer in dieser Lage steuerliche Verschärfungen diskutiert, verkennt die Realität unternehmerischer Verantwortung und riskiert eine schleichende Deindustrialisierung.
Gerechtigkeit neu denken: Leistung, Risiko und Verantwortung ehrlich bewerten
Die politische Debatte um „Gerechtigkeit" bleibt häufig eindimensional. Unternehmerische Realität bedeutet persönliche Haftung, lange Arbeitszeiten, dauerhafte Verantwortung und ein Risiko, das weit über das eines abhängigen Beschäftigungsverhältnisses hinausgeht.
Viele Unternehmer arbeiten 60 bis 70 Stunden pro Woche, tragen persönliche Bürgschaften und verzichten auf Absicherung, die für andere selbstverständlich ist. Diese Dimension fehlt regelmäßig in politischen Debatten.
Wenn im Superwahljahr 2026 erneut über „faire Verteilung" gesprochen wird, muss auch über faire Bewertung von Leistung, Risiko und Verantwortung gesprochen werden. Alles andere bleibt symbolisch – und gefährdet den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig.
Fazit: Der Mittelstand ist kein Steinbruch staatlicher Umverteilung
Deutschland steht an einem wirtschaftspolitischen Wendepunkt. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Staat in der Krise handlungsfähig sein kann – aber ebenso, dass er dauerhaft überfordert ist, wenn er Unternehmertum primär als Finanzierungsquelle statt als Wertschöpfungsbasis begreift. Der Mittelstand ist kein abstraktes Konstrukt, sondern besteht aus realen Betrieben, realen Haftungsrisiken und realen Arbeitsplätzen.
Wer unter diesen Bedingungen weiter an der Schraube aus steigenden Steuern, wachsender Regulierung und rechtlicher Unsicherheit dreht, riskiert nicht mehr nur Wachstumseinbußen, sondern einen schleichenden Substanzverlust des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Unternehmensnachfolge wird dann nicht verhindert, weil Unternehmer nicht wollen, sondern weil sie wirtschaftlich nicht mehr verantwortbar ist.
Politik muss sich entscheiden: Will sie einen leistungsfähigen, investitionsbereiten Mittelstand – oder einen verwalteten, ausgehöhlten Unternehmenssektor, der Innovation und Verantwortung zunehmend ins Ausland verlagert?
Eine Erbschaftsteuerpolitik, die Betriebsvermögen wie Privatvermögen behandelt, eine Regulierung, die Haftung und Risiko ignoriert, und eine Gerechtigkeitsdebatte, die Leistung systematisch ausblendet, sind kein Ausdruck sozialer Fairness, sondern ökonomischer Kurzsichtigkeit.
Wenn 2026 erneut über „Gerechtigkeit" abgestimmt wird, sollte klar sein: Ohne Unternehmer gibt es keine Umverteilung, keine sozialen Sicherungssysteme und keinen Wohlstand. Wer den Mittelstand politisch weiter unter Druck setzt, wird am Ende nicht mehr Gerechtigkeit schaffen – sondern weniger wirtschaftliche Freiheit für alle.





